Mobile first

Wer in der EDV-Industrie arbeitet, kennt dieses Motto das einen Befund der letzten Jahre auf eine kurze Formel bringt: Wer ein Angebot für Endkunden hat, der sollte allergrößten Wert darauf legen, dass es auf mobilen Endgeräten – vulgo: Smartphones – verfügbar ist oder das Produkt auf einer Smartphone-geeigneten Webseite bestellbar ist. Das gilt je mehr, je jünger das Publikum ist, an das man sich wendet. Ein guter Grund, dass sich Zauberkünstler fragen, ob sich Apps für ihre Kunst verwenden lassen, zumal Künstler wie Marco Tempest und Simon Pierro diese Frage schon lange erfolgreich mit „Ja!“ beantworten.

Im Rahmen der Zirkeltreffen des Ortszirkels Frankfurt des Magischen Zirkels war diese Frage vor geraumer Zeit schon einmal gestellt – und seinerzeit abschlägig beschieden worden. Als zu simpel, zu verspielt und zu einfallslos waren die damals verfügbaren Apps eingestuft worden. Da aber die Entwicklung in kaum einem Bereich der Technologie so schnell voranschreitet wie bei Computern und Smartphones, war es an der Zeit, sich die Frage erneut vorzulegen.

Andreas Fleckenstein hatte den Abend dramaturgisch so aufgebaut, dass er zunächst solche Apps vorstellte, die eher noch in die Kategorie „simpel, verspielt, einfallslos“ gehörten, um dann den Anspruch, die Nützlichkeit und den „Wow-Faktor“ des Vorgestellten zu steigern. Dabei rangierten die Prinzipien, auf denen die vorgestellten Apps basierten, zwischen „wohlvertraut, altbekannt, bewährt, jetzt auch im Handy“ und „oh, das ist neu!“. Gemeinsam war fast allen Apps, dass sie auf den Smartphone des Zauberers laufen müssen und das sie nur für eines der beiden weit verbreiteten mobilen Betriebssysteme iOS oder Android verfügbar sind. Eine der wenigen Ausnahmen präsentierte Nicolai Friedrich, der zur Verblüffung vieler Anwesender einen frei gewählten Ausdruck auf einer frei gewählten Seite der Online-Enzyklopädie Wikipedia in den Gedanken zweier Zuschauer las. Namen die im Zusammenhang mit den nützlicheren Apps immer wieder fielen waren Max Krause, Greg Rostami und Marc Kerstein. Neben vielen Apps, die direkt der Zauberei dienen, wurde auch eine App vorgestellt, die das Handy zu einem fernbedienbaren Musikeinspieler macht, und zwar zu einem ganz speziell auf die Bedürfnisse der Zauberer abgestimmten.

Der Abend wurde durch eine Pause zweigeteilt, in der sich die einen an der Frankfurter Rindswurst, die anderen am Nikotin labten – und dann ging die Post ab! Martin Eisele war eigens aus dem Schwäbischen angereist und stellte App-Zauberei von einem anderen Stern vor. Die Kunststücke, die er mit dem iPhone vorstellte, waren äußerst verblüffend und bestachen einerseits durch die Komplexität dessen, was das Smartphone für die Zaubereffekte leistet und andererseits dadurch, dass das Telefon für den Zuschauer gar keine Rolle zu spielen scheint. Das Smartphone steht auf eine sehr verblüffende, innovative Art und Weise im Dienste der Zaubereffekte, es ist nicht ihr Mittelpunkt, ja, es scheint gar nicht Bestandteil des Effektes zu sein. Das hat mit “ simpel, verspielt, einfallslos“ gar nichts mehr zu tun. Ob es für alle Zauberer in Zukunft „Mobile first“ heißen wird, sei mal dahingestellt, aber wenn es mit rechten Dingen zugeht, wird der eine oder andere recht bald auch einen App-Effekt im Programm haben. Wer mehr über Martins App erfahren möchte kann das hier tun: https://www.vision-tricks.com/

Text. Karsten Meyerhoff
Bilder: Michelle Spillner