Seminar mit Joe Rindfleisch

Gib Gummi!

Da sitzt er im Zirkellokal so alleine für sich hin und isst eine Frankfurter Rindswurst – wem die feine Ironie dieser Situation nicht auffällt, dem ist nicht mehr zu helfen. Immerhin heißt der Mann Joe Rindfleisch und obwohl er Amerikaner ist, ist auch ihm natürlich bewußt, welche Bedeutung sein Name in der deutschen Sprache hat.

Nachdem er sein Abendessen verzehrt hat, stellt er sich vor sein zahlreiches Publikum und redet über das, was ihn in der Zauberszene bekannt gemacht hat: Zaubern mit Gummibändern. Es wird relativ schnell klar: Der Mann ist ein Besessener, ein Getriebener, jemand der seine Passion gefunden hat. Das mag die folgende Anekdote zeigen: Die Familie Rindfleisch sitzt im Gottesdienst und Joe spielt – wie immer – mit seinen Lieblingsrequisiten herum, als ihm plötzlich ein Gummiband im hohen Bogen wegfliegt und in den Haaren einer Dame landet. Das trägt ihm ein schlechtes Gewissen und einen mahnenden Blick seiner Ehefrau ein. Aber eine Abschiedsumarmung mit besagter Dame verhilft ihm dazu, sein Gummiband wieder zu stehlen und alles ist wieder gut.

Seine Vorführungen zeigen sehr bald, dass die intensive Beschäftigung mit den Gummibändern Früchte getragen hat: Das ist Gummiband-Zauberei auf einem ganz anderen Niveau als crazy mans handcuffs. Das sind Routinen mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende, dass sind Bausteine, die kombinierbar sind, das sind grundlegende Techniken, die sich vielfach verwenden lassen, nicht einfach nur Puzzles oder nette Displays.

Der Anspruch des ersten Teils des Seminars ist es, allen Anwesenden mindestens drei von sechs vorgeführten Effekten beizubringen – was im Großen und Ganzen gelingt. Mancheiner muß dazu allerdings Verrenkungen vollführen, die eher an gymnastische Übungen denken lassen, als an Zauberei.

Dabei sind manche Effekte so verblüffend, dass sich einige Teilnehmer selbertäuschen: Oohs! und Aaahs! aus den hinteren Reihen legen Zeugnis davon ab.

Im zweiten Teil des Seminars geht es etwas mehr zur Sache, die Effekte werden schwieriger und länger, es kommen weitere Requisiten dazu.

Es zeigt sich, dass sich Joe Rindfleisch neben der Konstruktion von guten Routinen unter anderem auch mit Topologie beschäftigt hat, der Teildisziplin der Mathematik, die sich – vereinfacht gesagt – mit der Lage und Anordnung geometrischer Gebilde im Raum beschäftigt. Alles im Dienste guter Unterhaltung wohlgemerkt, nicht als l’art pour l’art. Eine runde Sache, dieses Seminar und viele Teilnehmer gehen mit Joes
Packungen voller Gummibänder und Instruktionsvideos nach Hause.

Text: Karsten Meyerhoff | Bilder: Michelle Spillner

About the author: Administrator